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"Den Tumor besiegt" - Artikel in der Welt Drucken Email
02. Oktober 2008 um 09:20

Am 2. Oktober 2008 erschien in der WELT eine Beilage (hier die PDF) zum Deutschen Kinderkrebskongress in Berlin, dessen Tagungspräsident Prof. Dr. Günter Henze war. Er ist Chefarzt der Kinderonkologie der Charité im Virchow-Krankenhaus und hat mich 2000/01 behandelt.
Er rief mich Ende September an und fragte, ob ich bereit wäre, eine Geschichte mit der WELT über die Kinderstation, über Krebs und über das Leben danach zu machen. Nach kurzem Zögern habe ich zugesagt und mich mit der Journalistin zum Interview getroffen. Das Ergebnis des Interviews und der Foto-Session könnt ihr unter weiterlesen sehen und auch direkt auf der Homepage der WELT (alle Fotos mit (c) Christian Kielmann).


Oliver Hänsgen (links) ist von seiner Krebskrankheit genesen. Bei seinen Nachfolge-Terminen in der Tagesklinik der Kinderonkologie der Charité Berlin auf dem Campus des Virchow-Klinikums trifft er auf kranke Kinder wie die vierjährige Selin mit ihrer Mutter Inci Kanbicak. Oliver Hänsgen weiß, dass es Hoffnung auf ein normales Leben gibt und versucht, ihren Mut zu machen. Oliver Hänsgens Geschichte lesen Sie auf Seite 3 [Das Foto befand sich auf der Titelseite der Beilage]

Beilage der Welt vom 02.10.2008:

[Der folgende Bericht mit dem darin enthaltenen Foto auf Seite 3 der Beilage]

Den Tumor besiegt
Der Student Oliver Hänsgen hilft jetzt Kranken

Dreimal ist Oliver Hänsgen (25) Halbmarathon gelaufen, beim vierten Mal dann, im Frühjahr 2008, machte sein Bein nicht mehr mit. Der junge Mann hatte Schmerzen - und etwas Angst.

Die Erinnerungen kamen hoch an die Zeit, als Oliver Hänsgen an Krebs erkrankt war. Ein Tumor im Bein, genauer im unteren Schienbein. Deshalb konsultierte er Ende April sofort seinen Arzt, Professor Günter Henze, Leiter der Kinderonkologie im Rudolf-Virchow Krankenhaus. "Mein Arzt hat mich für verrückt erklärt, mich derartigen Belastungen auszusetzen", beichtet Hänsgen. Die Untersuchungen ergaben nichts Negatives. Dennoch, seither ist Hänsgen vorsichtiger.

Seine Krankengeschichte liegt zwar schon acht Jahre zurück, die exakten Daten aber hat Oliver Hänsgen noch parat. Es begann im Februar 2000. Hänsgen war 16 Jahre alt, besuchte die Martin-Buber-Oberschule in Spandau - und wenn er nicht dort war, trieb er Sport oder spielte Schach.

Nach einem fußball-intensiven Wochenende bekam er Schmerzen am rechten Knöchel. Muskelkater, Überbelastung oder ein harter Pressball? "Ich dachte mir nichts Besonderes", sagt Hänsgen. Als die Schmerzen nicht besser wurden, ging er zum Arzt, dann zur Krankengymnastik. Doch Hänsgens Unterschenkel schwoll weiter an.

Am 27. April erfolgte eine Kernspintomographie. "Der Radiologe sah sich die Bilder an und verriet mit nicht, was es ist." Es war Olivers 17 Geburtstag. Er weiß es noch genau: Montag, der 1. Mai. Dienstag, der 2. Mai mit der schrecklichen Diagnose vom Hausarzt: Krebs. "Morgen gehst du ins Krankenhaus, es ist schon ein Bett reserviert", sagte der Arzt. Es folgten zahlreiche Untersuchungen, am 8. Mai die Biopsie, am 9. Mai ging die Chemotherapie los.

Oliver Hänsgen hatte ein (seltenes) Osteosarkom. Dennoch: "Die Überlebenschancen waren für mich immer gut", sagt er. Auf der Station habe er schließlich ganz andere Fälle erlebt. "Da war klar, dass manche Kinder eine wesentlich schlechtere Prognose haben." Über seinen Tod habe er selbst damals nie nachgedacht.

"Ich war immer überzeugt, dass ich es schaffen werde. Trotz allem habe ich noch viel Glück gehabt", bestätigt Oliver. Mit 17 ist er der Älteste auf der Kinder-Station. Er möchte nicht, dass seine Eltern auf der Station übernachten - beide können weiterhin ihrem Beruf nachgehen. "In anderen Familien geht es oft um die Existenz." Dennoch fragt sich auch Hänsgen manchmal: Warum ich? "Ich habe nicht geraucht und nicht getrunken. In unserer Familie gab es keine signifikanten Vorerkrankungen." Der Tumor hatte sich im gesamten Knochen ausgebreitet. "Ich hatte Schmerzen, und verlor alle Haare."

Irgendwann war dann die Rede von einer Amputation. Oliver Hänsgen saß beim Chirurgen, sprach über moderne Prothesen und dachte: "Das kann es irgendwie nicht sein." Dann tat sich die Möglichkeit einer Strahlentherapie im Krankenhaus Moabit auf und Hänsgen entschied sich mit seinen Eltern, sie zu probieren. Sieben Wochen dauerte die hochdosierte Behandlung, währenddessen lief auch die Chemotherapie weiter. Diese Kombination hatte Erfolg: Am 14. Februar 2001 wurde Hänsgen entlassen, etwa ein Jahr nach dem Auftreten der ersten Symptome.


Auf der Kinderkrebsstation der Charité war Oliver Hänsgen (links)
in Behandlung. Häuft schaut er noch vorbei, hier spricht er mit
dem Patienten Thomas Theuer

Zwar wachsen an den bestrahlten Stellen keine Haare mehr, die Haut ist verbrannt und die Bewegungsfreiheit leicht eingeschränkt - aber Hänsgen kann wieder Sport treiben, ein normales Leben führen.

Jeder bewältigt einen Schicksalsschlag wie diesen auf seine Weise. Oliver wählte den offensiven Weg und verschickte Newsletter über seinen momentanen Gesundheitszustand. "Manche fanden das übertrieben", erinnert sich Hänsgen. "Ich habe während dieser Zeit festgestellt, dass selbst die engsten Verwandten und Freunde nicht wussten, wie sie mit mir und meiner Krankheit umgehen sollten. Da gab es starke Berührungsängste, die ich gut nachvollziehen kann."

Es heißt, ein Drittel der Krebstherapie würde den persönlichen Umgang damit ausmachen. "Ich habe Jugendliche erlebt, die sich völlig abgeschottet hatten", erzählt er. "Jeder muss einen eigenen Weg finden, mit so einem Schicksalsschlag umzugehen. Da gibt es kein Patentrezept." Er selbst sei ein offener Mensch geblieben - und er sei schneller gereift.

Seit 2002 studiert Oliver Hänsgen Politikwissenschaft, engagiert sich in der SPD, arbeitete im Bundestag und ist im Europabüro von Dagmar Roth-Behrendt angestellt. Die Kinder-Krebsstation im Rudolf-Virchow-Krankenhaus besucht er regelmäßig - nicht nur wegen der Nachsorge: "Ich war hier immer in sehr guten Händen."

aus: Die Welt vom 02.10.2008

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